Gefühls-Geschwurbel

Immer wieder staune ich doch, wie unterschiedlich ständig alles ist.
Tagelang weiß ich nicht, wie ich einen ganzen Beitrag schreiben soll und worüber.
Und dann kommen Zeiten, da hört es einfach nicht auf.

So, als laufe ich über.
Als müsse irgendwas aus mir hinaus.
Als wäre etwas zuviel in mir – oder zu wenig.
Und es muß Ausgleich geschaffen werden.

Ich hab´s geschafft, zu duschen.
Und auch der Mann redet wieder.

Innendrin sinnierte *ich* weiter über Krebs.
Eigentlich vielmehr über ANGST.

Ich staunte, weil mir in den Kopf kam,
dass die Angst tatsächlich Angst vor sich selbst haben kann.

Dann kam mir, dass das eigentlich bei allen Gefühlen so sein kann.
Sie können untereinander Gefühle haben
– also dass die Neugierde vielleicht neugierig ist auf die Angst.

Oder auch mit sich selbst.
– die Wut vielleicht wütend ist auf sich selbst.

Spannend ist das.

Was den Krebs angeht, ist es eh verrückt.
Sowieso, weil ich mich frage, warum es nicht vielleicht um MS geht? Oder COPD? Oder was auch immer. Es gibt so vieles, an dem man sterben könnte.
Man stirbt sowieso.
Irgendwann.
Warum KREBS?!

Ich mein, ich hatte früher im Taxi so viele Menschen sitzen zur Onkologie.
Ich habe so viele unterschiedliche Lebensgeschichten, Ansichten, Ängste, Ansätze, Hoffnungen und Wege gehört.
Sehr viele Menschen gehen sehen – lebendig oder tot.
In ein neues Leben – so oder so.

Manchmal habe ich Angst, dass ich Krebs bekomme, weil ich ihn ignoriere.
Weil ich so selbstgefällig und großkotzig bin zu glauben, er will mich nicht.

Dann wieder habe ich Angst, er will mich, WEIL ich an ihn denke.
Ich manifestiere ihn in mein Leben, weil er glaubt, wenn er in meinen Gedanken eine Rolle spielt, würde ich ihn einladen.

Dann wieder habe ich Angst, dass die Angst ihn ruft.

Es ist verrückt, wie verrückt man durch Gefühle werden kann.
Was man überhaupt alles fühlen und denken kann.

Die Jahre ohne Fühlen
Ohne Bezug zum Körper
Ohne großes Interesse, ob und welche Zukunft *ich* habe
Dieses einfach-vor-mich-hin-Existieren
verschonten mich von all solchen Dingen.

Es wäre mir WURSCHT gewesen.
Leben oder Tod – es war für mich ohnehin das Selbe.
Es war gleichgültig.

Heute nun,
glücklich verheiratet und auf einem – hoffentlich – guten Weg,
all dieses Trauma und die Vergangenheit aufzuarbeiten
will ich eigentlich (meist) doch sehr GERNE leben.
Noch länger.

Erst derletzt redeten der Mann und ichwir wieder über den Norden.
Klar – er ist 11 Jahre jünger, als ich.

Früher wäre es für ihn undenkbar gewesen, NICHT bis zum offiziellen Rentenalter zu arbeiten. Schließlich war er ja konditioniert und trainiert zu arbeiten und hieraus seinen gesamten WERT als Mensch zu generieren.

Außerdem war er der Meinung, den Norden würde er eh nicht mögen.
Obwohl er doch noch nie dort gewesen war.
Aber sein VATER hatte das gesagt.
Der Norden ist Scheiße.

Inzwischen
nachdem wir gemeinsam 2x dort gewesen waren
und nachdem der Mann in den 8 Monaten Arbeitsunfähigkeit sehr vieles über sich selbst, das Leben, das Arbeiten und den Lebenssinn reflektiert, gedacht und gefühlt hat
sagt er:

„Wenn ich arbeiten würde, bis 65 – dann wärst DU schon 76.
Dann brauchen wir auch nicht mehr umziehen.
Wenn Du das überhaupt noch packen würdest.

Also ziehen wir in spätestens 5 Jahren um.“

Gut.
Letzt dann kam mir in den Kopf, dass ich dann 55 bin.
Meine Fresse!!!!!
55!!!!!!
Gott, bin ich dann ALT!!!!!!!

55 ist doch URalt, oder?

Dann wurde mir bewußt, dass ich HEUTE schon 50 bin.
Das kann aber doch garnich sein, oda?
50?
Ich bin doch ned alt?
Mit 50 ist man doch fast tot?!
Bloß noch 20 Jahre un man is 70?
Nur noch so kuaz?

Der Mann hat gelacht und gemeint, dass ich niemals ALT bin.
„Guck dich doch an!!!“ hat er gesagt.
Welche alte Frau rasiert sich den halben Kopf????
Welche alte Frau zieht Lederhosen an? Docs und Boots?
Welche alte Frau macht nen Termin im Tattoo Studio?
Will sich womöglich noch den halben Körper stechen lassen?

Du kannst ja vieles sein.
Aber ALT?!
Nein, ALT bist Du nicht.

Und WIRST Du auch nicht.
Dafür denkst und fühlst Du zu jung.
Bist mutig, interessiert, neugierig, ausgeflippt, lustig, albern, …“

Aber dieses Gefühl….
Dieses Gefühl ist gruselig.

ALT.

Da denk ich an meine Oma.
An Kittelschürzen mit Flecken.
An Synthetikkleider, die unsäglich nach Schweiß stinken.
An riesige Unterhosen mit gelben Flecken und Löchern.
An ein Korsett, das ihren Körper zu einem Fass presste.
An kaum noch Haare, die in kleinen, gelben Locken über die Leere gekämmt wird.
An ein verbissenes, verhärmtes, linkisches, fettes Gesicht, das mit falschen Mund lächelt
mit falschen Zähnen und Falschheit in den Augen.
An Goldschmuck am Körper, der Reichtum im Außen gaukelt und von der inneren Armut ablenken soll.
An kaum noch laufen können, ewiges Jammern, Vorwerfen und Fordern.
An Rachsucht, Hass und Niedertracht.

Häßlich.

Nein, ich will nicht alt werden.
Nicht DIESES Alt.

Vielleicht wollte ich deshalb meist lieber JUNG sterben.
Egal.
Hauptsache, nicht DAS.

Wo sitzt die WAHRE Angst?

Vor dem Leben?
Dem Sterben?
Dem Krebs?
Dem Altwerden?
Oder der Erinnerung?

Dem SO WERDEN, wie DIE?

Meine Tochter sagt oft,
dass sie niemals Angst hat, vor dem Alter.
Wenn sie alt würde, wie ICH alt werde
dann sei alles prima.

Auf MEINE Weise alt zu werden, sei wunderschön (anzusehen).

Es ist schon eigenartig, wie verschieden
Außen-
und Innen-Wahrnehmung sein können.

Und trotzdem….
Ich bin nahe dran, glauben zu können, dass ich es GUT mache.
Wer weiß…. vielleicht werde ich ja doch noch 100.


Ein Kommentar zu „Gefühls-Geschwurbel

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