Das Leben ist, wie eine Tischtennis-Platte

Der Mann und ich und unsere Gespräche.
Ich bin immer wieder fasziniert.
Dankbar.
Voller Freude, dass ich ihn erkennen konnte.
Finden, gewinnen und um mich haben darf.

Eben sprachen wir vom Druck.
Lebens- und Leidensdruck.
Davon, dass ich ziemlich davon überzeugt bin,
dass wir HIER, wo wir gerade leben,
niemals werden aufhören können, zu kompensieren.

Wir kompensieren dieses für uns schrecklich verklebte, bigotte, verlogene, enge Umfeld mit Essen.
Schokoriegel, Nüsse, Kekse und Kram.
Auch 3 Tellern Bolognese und Cordon Bleu mit überbackenen Spaghetti.
Viel Käse.

Man gönnt sich ja sonst nix.

Irgendwo muß die Angst ja hin.
Vor den Menschen hier.
Der Stimmung.
Der Verlogenheit und Aufgesetztheit einer „ewig schaffenden, biederanständigen Gemeinde“.
Draußen ein nicht zu verleugnendes Gefühl von Überwachung und Enge.
Menschen, die dich beurteilen, bewerten und beäugen.
Widerlich.

Wie soll man hier frei leben können?
Glücklich sein?
Sein, der/die man IST?

Der Mann sagte in letzter Zeit öfter,
er sei noch nicht fertig.
Es ist noch nicht abgeschlossen; nicht zu Ende.

Er meint damit die Ablösung von seiner Mutter; den Eltern; der Familie.
Er meint damit, dass noch Mut fehlt; noch generiert werden muß, für einen großen schritt.
Er meint damit, dass er noch zu sicherheitsbedürftig sei; noch zu unbeweglich, steif und starr,
als dass er loslassen könnte
jenes Seil, das er für Sicherheit hält.

Aber er merkt, wie in ihm einerseits Not und Druck wachsen.
Und andererseits auch Mut und Vertrauen; Freude auf was Neues; Zukunft und Perspektive.

Er merkt, wie es sich wandelt.

Er dachte, er möchte auch seine Therapie fertig machen.
Wann ist eine Therapie FERTIG?

Auch ich frage mich das oft.
Ich bin jetzt 5 Jahre bei meiner Thera.
Wie lange brauche ich sie noch?
WILL sie noch brauchen?
Habe ich sie JE gebraucht?

Der Mann und ich sprachen darüber, wozu man eine Thera überhaupt *braucht*.
Ist es ein Brauchen – weil sie notwendig ist?
Ist es vielmehr ein GEbrauchen? Mehr ein Benutzen?
Und wenn ja, wozu und wofür?
Was ist der Job des Therapeuten in Wirklichkeit?
Was ist dessen Aufgabe?

Ich verglich das Leben mit Tischtennis.
Wenn man völlig alleine ist
alleine mit sich SELBST spielen muß
dann kocht man immer nur im EIGENEN SAFT.

Oft kann man dann nur schwer etwas Neues lernen.
Schwer die Hintergründe analysieren; Dinge erkennen; etwas ändern.
Man dreht sich alleine um sich selbst und es fehlen meist neue Impulse.
Andere Ideen und Ansätze.
Neue, verschiedenartige Ansätze.
Oft auch sinnvolles oder hilfreiches Werkzeug.

Ich kenne solche Jahre.
Oft las ich dann in Büchern.
Auch (gute, sinnvolle) Bücher sind in der Lage, „neue Bälle zu werfen“ auf das Spielfeld des Lebens.
Mit neuen Bällen kann man beginnen, sein Leben zu ändern.

Bücher sind trotzdem nur „besser, als Nichts“.
Es ist schwierig, alleine durch Bücher Trauma zu bewältigen.

Dann fanden wir unsere Beziehung und spielten zu 2.
Oft GEGENeinander.
Mehr und mehr dann MITeinander.
2 Menschen können gut auch dem Anderen neue Bälle werfen.
Man kennt jene Bälle des Partners oft noch nicht.
Neues Futter zum Heilerwerden.

Therapeuten können dann aber noch bessere, neue Bälle werfen.
Therapeuten sehen deine Fähigkeiten und Schwächen.
Und sie können Bälle so werfen, dass das Lernen, Erkennen und Ändern leichter fällt.
Dass Du entsprechend üben kannst. Zielgerichteter.
Und falls Du über deine Beine fällst, beim engagierten Spiel, verbinden sie dich auch und flicken dich wieder zusammen.
Damit Du weiter spielen kannst, an deiner Spielplatte.
Neue Bälle, neue Techniken, fitter werden.

Therapeuten sind Sporttrainer für die Seele.

Wie fit will man werden?
Wie lange möchte man auf Leistungssport trainiert werden?
Wie lange BRAUCHT man das?
Und wie gut ist dieser Trainer? Bis wohin reichen auch dessen Fähigkeiten?

Wir sprachen eben so,
dass es doch letztlich im Leben darum geht,
bis zum Lebensende neue, fremdartige, facettenreiche Bälle zu kriegen.
Flexibel zu sein und bleiben.
FREUDE zu fühlen, an all den Farben, Nouancen und Formen jener Bälle des Lebens.

Aber Bälle werfen kann JEDER.
Es muß kein Therapeut sein.

Vielleicht kann sogar ein Hund; ein Tier solche Bälle werfen.
Völlig Neues in dein Leben bringen.
Auch Freunde, Bekannte; Frauen an der Kasse des Supermarkts.

Wenn wir mutig genug sein werden,
um tatsächlich in den Norden zu ziehen
die Athmosphäre anders sein wird
Freiheit, Salzuft, Wind, Meer, Weite, ….
kommen ohnehin der Bälle mehr als genug.

Irgendwann braucht man keinen Therapeuten mehr.
Irgendwann therapiert dich das Leben SELBST.

Lebendigkeit, Freude, Zuversicht und Freiheit.
Geblasen vom Nordseewind mitten ins Herz.

Manchmal glaube ich ganz fest daran, dass es garnicht mehr so lange dauern wird.
Garnicht bis 2025.
Ich glaube, es geht schneller.
Weil wir Bälle auch sehen, die NICHT vom Therapeuten kommen.
Und sie spielen können.
Immer besser und leichter.

MITeinander.
Und nicht mehr GEGENeinander.
Ein gutes Spiel.
In Freude.

8 Kommentare zu „Das Leben ist, wie eine Tischtennis-Platte

  1. Schöner Vergleich. Wir haben unseren Therapeuten wie eine Ampel auf dem Lebensweg gesehen. Grün= wir gehen in die richtige Richtung. Gelb= Achtung, noch mal nachdenken, über Stolpersteine reden. Rot= das ist gerade die völlig falsche Richtung. STOP.

    Gefällt 3 Personen

  2. Ihr Lieben, ich kann das so gut nachempfinden. Dieses Gefühl der gesellschaftlichen Unfreiheit in einer bestimmten Sorte von Umgebung/Nachbarschaft/Gemeinde. Ich wuchs auf’m Dorf auf und es war kein Fest. 😒

    Zu der offensichtlich innerfamiliär stattfindenen Gewalt sagte niemand was, aber wehe, man hatte blaue Haarsträhnen und Springerstiefel- 😅

    Deshalb war Wegziehen auf lange Sicht auch die einzige Möglichkeit, solche kleingeistigen Einschränkungen im Alltag loszuwerden. Ich hoffe, ihr schafft es gemeinsam und (angst-)frei in den Norden! VVN

    Gefällt 1 Person

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