**** Hab keine *** (Dissoziation)

Guten Morgen, ihr Lieben 🙂

Eben grad hab ich den letzten Text von Euch heute Früh gelesen und bin nachdenklich.
Das liebe Mondmädchen schreibt über Dissoziation.

Ich muß an Do. denken – nicht zu verwechseln mit D.

Do. war auch mal meine beste Freundin.
In Wahrheit meine EINZIGE.
Ich hatte IMMER nur *einzige Freundinnen* – niemals mehrere gleichzeitig.

Do. war jene Freundin, damals am Gymnasium.
Ab der 5. Klasse.
Genaugenommen 5. – 7.
Weil dann blieb ich sitzen und kam – fast notgedrungen – zu Di.
Weil Di mit mir gemeinsam sitzen blieb.
Und ich Do. hierdurch kaum noch sah.

*ein bescheuertes Gefühl, wenn sich Namenskürzel wie Wochentage lesen*

Do. hatte eine 2 Jahre jüngere Schwester – G.
Sie waren 2 Töchter eines Apotheker-Paares.
Die Mutter eher still, grau, klein und zurückhaltend.
Wie ein Schatten.

Der Vater ein riesiges Arschloch.

De beiden waren 8 und 10, als wir uns kennenlernten.
Vielleicht auch 9 und 11.

In jedem Fall hatten sie beide schon Jahre der Gewalt hinter sich.
Fotos, Vergewaltigungen – und als Krönung dienten sie dem Vater zur Erhaltung guter Geschäftsbeziehungen.
Durften mit Kollegen, Lieferanten oder anderen „Herrschaften“ aus dem Umkreis der Apotheke „nette Zeit“ verbringen.
Do. durfte nicht zum Friseur und schnitt sich ihre Haare selbst.
Kurz mußten sie sein.

Und wenn ich – was selten war – mal nach der Schule zu ihr durfte,
gehörte ich zur Familie.
Zumindest „bei Tisch“.
Wo der Vater seine Machtspielchen spielte.
Wo alle schweigen mußten.
Sitzen bleiben, bis er fertig war.
Und er aß ganz besonders langsam.
Und dann noch eine Portion.
Und noch eine.

Ich glaube, manchmal war ich nur dort gewesen, um schweigend mit am Tisch zu sitzen.

Eigenartig ist, dass ich in Wirklichkeit kaum noch was weiß.
Nichts von dem, das sie mir (vielleicht?) je davon erzählte.
Aber ich erinnere, dass ich davon wußte.
Weil ich immer großes Mitgefühl für sie hatte.
Sie so gern gerettet hätte.
So gerne geholfen.
Aber ich wußte nicht, WIE.

Auch ich muß ihr sehr viel von MIR erzählt haben.
Viel von Gewalt.
Aber auch das weiß ich nicht mehr.

Irgendwann, viele Jahre später, suchte ich sie.
Über ihre Großmutter kam ich in Kontakt zu ihr.
Sie freute sich tatsächlich und wollte mich genauso gerne treffen, wie ich sie.

Zeitlich kann ich es nur anhand der Wohnung schätzen, in der ich wohnte.
Und es muß in jedem Fall nach 2003 gewesen sein.
Ich war also mindestens 33 – wie sie auch.

Sie war zu mir gekommen und wir saßen meist recht still auf dem Sofa.
Sie war auf Methadon und erzählte mir, dass sie durch die Nähe zu Medikamenten abhängig geworden wäre.
Heroin und Tabletten. Und wer weiß, was noch.
Sie sah nicht gut aus – zugegeben, das tat sie nie.
Und nein, das ist nicht böse gemeint – aber man hat ihr eigentlich IMMER schon angesehen, dass sie litt.
Man hätte ihr helfen können – und doch tat es keiner.
„Der Apotheker ist unberührbar; ein guter Mann“.

Viel hatten wir uns irgendwie nicht zu sagen.
Es war, als sei da eine Mauer und wir konnten sie nicht überwinden.
Irgendwann fuhr ich sie Heim.
Sie hatte grausame Angst.
Prinzipiell.
Aber auch vor der Autobahn.
So schlich ich mit 80 auf der rechten Spur und vermied alles Aprupte.
Während sie mich ansah, als sei ich vom Mond.

„Was nimmst Du nur für Tabletten???“ – fragte sie.
„Ich hab ja schon viel probiert – aber so gut wie dir, ging es mir damit noch nie“.

„Wie hast Du es nur geschafft, so zu sein, wie Du bist?????
Bei ALL DEM, DAS DU ERLEBT HAST, kannst Du doch NIEMALS so gut drauf sein.“

„So viel Gewalt wie bei DIR war…. das kann mann doch garnicht verarbeiten.“

„Wie kannst Du nur lachen???? Mit deiner Geschichte???“

Ich hab nie Tabletten genommen.
Und auch sonst nichts.
Und ich fragte mich über Jahre, wovon sie gesprochen hatte.
Was habe ich ihr früher erzählt????
Was weiß sie alles??? – das ich selbst vergessen habe?

Für mich war immer SIE diejenige, die es schwer hatte.
Ich? Ich hatte mit *sowas* doch nichts zu tun?
Bei mir gab es das doch nicht?!

Ich glaube, sie fühlte sich wie ein Alien.
Schwach, kaputt und scheiße – so neben mir.
Warum litt ich nicht?
Nicht so wie sie?
Warum war sie kaputt gegangen? – und ich nicht?
Vielleicht schämte sie sich sogar.

Jedenfalls durfte ich sie nicht nach Hause bringen.
An irgendeiner Straßenecke sprang sie fluchtartig aus dem Auto und rannte davon.
Wir hatten danach keinen Kontakt mehr.
Ich weiß nicht, ob sie noch lebt.

Aber ich denke oft an sie.

Was alles trägt sie für Wissen?
Wissen über MICH?
So vieles, das ich weg dissoziiert hab; vergessen; verdrängt.
Verloren und weg.

Meine Thera hatte anfangs geglaubt, ich sei „garnicht so geschädigt“.
Inzwischen ist sie sicher, ich sei derart schlimm geschädigt, dass ich ein Erinnern nicht wagen kann.
Alles dissoziiert und verdrängt.
Zu schlimm.

Nicht so harmlos, dass es schon verarbeitet wäre.

Da liegt noch ein weiter, schwerer Weg vor mir.
Aber man sah es mir bis …. hm… vor 1 oder 2 Jahren einfach nicht an.
Hochfunktional.
Alles paletti.
Ich habs ja nichtmal SELBST gewußt und kapiert.
Wären da nicht mein Leben lang schon diese Schmerzen.
Diese kleinen Erinnerungsfetzen und die Trigger.
De großen Probleme mit anderen Menschen.


Aber klar – für Do. sah das bei mir aus, als sei alles prima.
Ich fuhr Taxi, hatte eine Tochter, die Wohnung war aufgeräumt – also ist alles gut.

Will man bei dem Vergleich bleiben, das Hirn sei eine Wohnung mit Türen
dann lebte ich in einer 2-Zimmer-Wohnung.
Auf der einen stand „Prostitution“, auf der anderen „privat“.
Alle Wände waren glatt und unbeschädigt und schön tapeziert und es gab da nirgendwo irgendwelche Türen, die willkürlich auf gingen.
Alles schien heil und verarbeitet; alles flutschte.

Tja… bis ich dem Mann über den Weg lief und die Renovierungsarbeiten begannen.
Und seitdem lebe ich auf einer Baustelle.
Und unaufhörlich finden sich neue Türen hinter Tapeten.
Aber ich habe keinen Schlüssel.

Sie sind zugemauert.
Und werden sie frei gelegt, dann fehlt der Schlüssel.
Wie zu geklebt.

Inzwischen ist es eher so, dass ich versuche, ganz bewußt und gezielt,
den Hang zur Funktionalität … hm… nicht zu *unterdrücken*, aber ihm vielleicht nicht unhinterfragt nachzugeben.
Oft viel lieber rumzuhängen und traurig zu sein – um es zu locken.
Willkommen zu heißen.
Da sein zu lassen
Kennen zu lernen
und zu schauen, was passiert.

Ob sich die Türen nicht irgendwann DOCH von alleine öffnen.

Ich weiß so vieles nicht.
Alles weg.

Für andere Menschen bin ich glaub „völlig normal“.
Was so viele Jahre dafür gesorgt hatte, dass ich keine Hilfe fand.
Das ist traurig.
Das ist irgendwie „doppelt gestraft“.

Man nimmt mich nicht ernst.
Ich sehe nicht so aus.
Wie kann „ein Mensch wie ich“ so sehr leiden (wollen)?!


Irre, was der Beitrag eines anderen Menschen so auslöst….
Eigentlich wollt ich bloß erzählen, was gestern so war.

Wieder ein *ganz normaler Sonntag*.
Viel Nichtstun.

Aber immerhin haben wir nun endlich einen Bauernhof gesucht und gefunden.
Im September eine Woche Richtung Ostsee.
Völlig andere Gegend, als bisher.

Leider fällt hierdurch ein Wiedersehen aus, das wir ansonsten wohl gehabt hätten,
wären wir wieder dorthin, wo wir vorher waren.
Schade.
Aber wir fahren in die andere Richtung.
Weiter auch.
Viel weiter.
Ein bißchen hab ich Muffe, vor solch einer langen Fahrt.
Aber andererseits fahren wir nun bequemer, als zuvor mit dem kleinen Auto.

Gespült hatten wir gestern dann auch noch irgendwann.
Ansonsten viel TV und Reden.

Der Mann hatte ganz grausame Kopfschmerzen gestern.
So ging er schon um 21h ins Bett und ließ mich den Abendfilm alleine weiter gucken.
Um 22h ging ich dann auch schlafen.

Vorhin war ich schon um 3.48h wieder wach.
Und seitdem sitze ich hier.

Es ist jetzt 5.
Mal gucken, ob die Schmerzen vom Mann dann wieder weg sind.
Oder ob er es gleich ausprobieren kann, auch mal Zuhause zu bleiben, wenn es ihm nicht gut geht.
Das hatte er bisher noch nie gelernt.
Er ist immer arbeiten gegangen – egal, wie scheiße er sich fühlte.
Zuverlässigkeit war das Wichtigste.

Ich hör ihn gähnen.
Er wird langsam wach.

Ich hab Langeweile.
Irgendwie hab ich Sehnsucht nach Lebensveränderung.
Was will ich hier?
Hier, wo ich mich nicht wohl fühle?
Ewig fühle, als sei ich im Knast?
Gefühls-Gefängnis.
Lebens-Kiste ganz eng und dunkel.

Man quält sich auf der Suche nach Beschäftigung.
Einem kleinen Fleckchen Licht in der Kiste.
Ein bißchen Freude.

Ich wünsche Euch einen Wunder-vollen Tag.
Viel Kraft und Liebe ❤


Gebloggt am 13.07.2019

Der Mann ist im Bad

4 Kommentare zu „**** Hab keine *** (Dissoziation)

  1. Was ich mich dann immer frage ist, warum kommen sie an diesen Inhalt und wir nicht? Bei meiner Freundin zum Beispiel kann ich mir es so erklären, dass sie einfach eine andere Symptomatik hat, aber eure Freundin von früher scheint ja auch schwer traumatisiert.
    Bei mir löst das oft aus, wenn jemand fragt, wie ich so gut zurecht komme und sich damit vergleicht, dass ich nicht gesehen und auch nicht ernst genommen werde. Wie war das bei euch damals?
    Dieser Türen ohne Namen, die sich nicht öffnen gibt es hier auch, nur ist das ein anderes Stockwerk wenn man so will. Oder der Keller.
    Ich stelle es mir aber auch unheimlich schwer vor immer mit allem konfrontiert zu sein. Ich weiß auch, dass meine Freundin es nicht böse meinte, als sie sagte, sie wünschte, sie könnte das auch so abspalten und einfach funktionieren. Aber der Preis dafür ist einfach auch verdammt hoch. Und bei uns gab es ja keinen Punkt, an dem wir entscheiden konnten das jetzt so zu machen und unser Gehirn um zu überleben so funktionieren zu lassen.

    Ich mag das Bild mit den Renovierungsarbeiten übrigens sehr.

    Hier fühle ich mich übrigens immer sehr verstanden und gesehen. Mit Menschen, mit Gehirnen, die ähnlich funktionieren. Sich nicht so erklären zu müssen, weil ihr es kennt. Genau wisst, wie es ist. Ist, wie die gleich Sprache zu sprechen für mich. 🙂 Und nochmal ganz anders verstanden zu werden.

    Wünsche euch einen schönen Tag!♥️

    Gefällt 4 Personen

    1. Ja, ich hab mich auch nie gesehen gefühlt.
      Von Niemandem.
      Dabei hab ich schon so jung, so oft und bei so verschiedenen Menschen Hilfe gesucht.
      Alle waren blind.

      Aber oft fürchte ich, dass andere erst sehen können, wenn ich SELBST sehen kann.
      Dass man vielleicht DESHALB so oft hilf-los bleibt.
      Weil man SELBST nichts sieht.

      Zu gut verborgen.

      Ich könnte nun auch nicht sagen, was mir lieber wäre.
      So viel auf einmal tragen zu müssen, dass ich irgendwelchen Süchten verfalle oder mich umbringe
      oder
      besser nichts zu fühlen und nichts zu wissen…

      Ist irgendwie *beides* so gut wie tot.
      Nur verschieden.
      Aber man kann es sich ja eh nicht aussuchen.

      Nicht fühlen zu können ist schlimm.
      Aber VIEL fühlen zu können, auch.
      Im Leid gibt es glaub´ kein GUT.

      Ich bin auch sehr froh über die Blogs und Euch hier.
      Irgendwo gibt es immer etwas, in dem man sich selbst erkennt.
      Es hilft so sehr heilen.

      Es ist Selbstbestimmtheit hier.
      Anders, als in Selbsthilfegruppen, wo man sitzen und zuhören muß zu bestimmter Uhrzeit und bestimmter Dauer.
      Mit bestimmten Menschen und ohne Wahl.
      Man kann nur bleiben oder gehen.

      In den Blogs aber ist man FREI.

      Alles Liebe Euch ❤

      Gefällt 4 Personen

  2. „Hang zur Funktionalität nicht nachgeben“ das gab mir grad zu denken. Weil ich da leider auch schnell dabei bin und mich noch mehr erschöpfe dadurch…
    Auch „Hochfunktionalität“ das Wort sprang mich grad regelrecht an….
    Ja mir gehts ähnlich wie Euch beiden: Läuft alles, man sieht mir nichts an, seh wie das blühende Leben aus, doch was zuhause dann los ist, wo es keiner mitkriegt…ich bin froh das ich Theras und Ärzte fand, die hinter diese Maske schauen konnten.
    Und es ist auch eine Stärke (wenn man es nicht übertreibt) ich MUSSTE in meinem Elternhaus sehr früh sehr viel wuppen und Verantwortung tragen und mich selbst managen, ich musste selbstständig werden…andererseits versteck ich mich jetzt gern auch hinter der Mauer: kann ich alleine!
    Ich weiß nicht warum die einen total versumpfen und die anderen den Schein halten können….wär mal ne gute Frage an die Traumatherapeuten…
    Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja… diese Mauer… die kenn ich auch.
      Was brauch ich andere…
      Aber wenn man dann wieder mal kapieren muß, dass ja auch die Rente von *anderen* kommt, das Essen und Klamotten und so…
      So GANZ ohne andere Menschen gehts halt auch nicht.

      Und ich bin auch froh über Euch hier in den Blogs.
      Aber das ist wie die Nadel im Heuhaufen finden. Draußen würden wir uns vielleicht nichtmal grüßen….
      Liebe Grüße auch an dich *wink*

      Gefällt 1 Person

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