Wertschätzung

Irgendwie muß ich nochmal.
Der Mann ist wach und trinkt hinter mir Kaffee.
Wir haben schon wieder geredet – nicht allzulang, aber es ist alles gesagt.
Alles ist gut.

Keiner ist dem anderen böse.

Wir hattens vorhin kurz davon, dass es irgendwas von Auto-Waschanlage hat.
Man fährt die Karre rein, startet das Programm und kann dann nur noch zusehen.
Hoffen, dass es irgendwie läuft und möglichst wenig kaputt geht.

Früher haben unsere Waschanlagen gerne mal mit Steinen geworfen.
Heute passiert es allenfalls, dass der Lack Kratzer kriegt.
Das Programm läuft zu Ende und wenn das Auto raus kommt, sieht man den Schaden.

Klar – da gibt es irgendwo meist ein Not-Aus.
Aber den Knopf haben wir früher nie gesehen.
Und heute?
Manchmal auch noch ein bßchen spät.
Aber immerhin – wir wissen, dass es ihn gibt.

Paulchen…..
Er „entfällt“ mir gern.
Mein kleiner, 8-jähriger Innenbewohner.
Kein besonderer Sympathieträger.
Er legt allzugerne Feuer.
Zündelt, wo es Kleinholz gibt.

Und wenn andere bereits gut dabei sind, durch irgendwelche Trigger die Beziehung; den Mann; die Ehe; das Gute das wir haben,
zu Kleinholz zu verarbeiten,
ist Paulchen nicht weit.

Weil dieses Kleinholz sich so gut dazu eignet, ein Feuerchen zu machen.
Es brennt so schön – das mag er.
Man kann so gut in bereits blutende Wunden sticheln.
Das Blut zeigt den Weg zum Ort, wo es besonders weh tut.
Man braucht nur der Spur zu folgen.

Der Mann und ich haben versucht – wir mußten uns ein bißchen wieder „einfangen“ –
eine eher nüchterne Faktenlage und Analyse zu betreiben
statt, wie es sich tendierte anzufühlen
eine Liste mit Unzulänglichkeiten und Versagen.

Es ist erstaunlich, wie EIN Trigger zum ANDEREN führt.

Dass zum Beispiel ich,
wenn ich dem Mann erzähle, was ich den Tag bisher so an Hausarbeit getan habe,
eingentlich nur gerne möchte, dass er mich anstrahlt und sich freut, dass Zuhause so schön ist.

Während aber er
an seine Mutter denken muß
die den ganzen Tag vor dem TV hängt
ein bißchen was putzt
und dann den gesamten Abend lang rumjammert, was sie alles zu leisten hat
wie WICHTIG sie doch ist
dass ohne sie alles kaputt ginge
dass andere sie ja BRAUCHEN
weil ohne sie wären sie ja lebensunfähig
blablaschwätz bis ins Endlose…..

Es triggert ihn.
Ich vergeß das öfter mal.

Der Mann lobt ANDERS.
Oft bringt er mal Pralinen mit, Schoki oder Gummizeug für meine Großen und Kleinen.
Oft umarmt er michuns und sagt, wie unsagbar glücklich er ist mit mir.
Oft schon hat er sogar geweint vor Glück.
Oder er sagt, wie unglaublich GERNE er Zuhause ist; wie schön es hier sei.

Und inzwischen ist es tatsächlich so, dass er zumindest seine Aufgaben – das, was wir so besprochen haben – von ganz alleine tut.
Und oft auch anderes oder mehr.
Er trocknet das Geschirr ab, macht Müll und Altpapier.
Den Abfluß der Dusche
Die Blumen gießen auf dem Balkon
Hin und wieder auch die Wäsche
Oder er bringt auch mal Einkäufe mit, wenn es grade so paßt, wo er sowieso hin fährt.

Außerdem macht er inzwischen auch das Waschbecken hinter sich sauber und das WC (das war anfangs anders)
Und kümmert sich auch sonst so drum, dass er „Hinterlassenschaften“ selbst weg räumt.
Das erleichtert mich ungemein, weil er früher irgendwie zu glauben schien, dass sich Sämtliches in seinem Leben von ganz alleine auflöst.
Und er hat auch keine 5 Wäscheberge mehr irgendwo rum liegen.

So gesehen, habe ich ansich keinen Grund, mich NICHT gewertschätzt zu fühlen.
Ich WEISS dass er mich; es sieht.
Ich WEISS, dass er mich liebt und froh ist um unsere Beziehung.

Vielleicht ist es auch DAS manchmal?
Dass ich es WEISS?
( – mein Exmann sagte sowas immer. „Wenn ich dich nicht lieben würde, wärst Du überhaupt nicht hier.“ Nur GEFÜHLT habe ich das nie. Gefühlt habe ich dort nur immer das genaue Gegenteil.)

Manchmal…
Manchmal ist da halt ein Kleines innen,
das ein Signal sucht; einen Hinweis,
dass der Mann auch WIRKLICH sieht
WIRKLICH wertschätzt und anerkennt
WIRKLICH bewußt ist.
Damit es nicht schon wieder benutzt wird; ausgenutzt; gebraucht.
Damit es nicht schon wieder unwert ist; untauglich und unnütz.
Ein Kleines, das sehr bedürftig ist und traurig.
Einsam und leer.

Aber wenn das dann will, braucht und sehnt
dann weckt es damit jenen kleinen Jungen im Mann
der von seiner Mutter immer bloß benutzt wurde.

Und der kleine Junge sieht nicht das kleine Mädchen.
Der sieht bloß seine Mutter.
Und schon geht es rund.
Weil dann die Verteidiger aufeinander los gehen und garnicht merken,
dass es überhaupt keinen Angreifer gibt.
Nur 2 kleine Kinder, die traurig und verletzt sind.

Der Mann sagt, er KANN NICHT loben.
Nicht SO.

Aber klar – er selbst wurde ja auch nie gelobt.
Er war immer bloß nicht gut genug.
Es hatte nie gereicht.

Oft, wenn ich sehe, dass er was gemacht hat
dann sage ich ihm das.
Dass ich es SEHE.
Und mich darüber FREUE.

Es fällt ihm schwer, es anzunehmen.
Manchmal hört er sogar hierin einen Vorwurf.
Ein
„Ich sehe, Du hast abgestaubt. WARUM HAST DU DANN NICHT AUCH GLEICH GESAUGT?????!!!!!“

Es ist traurig, mit all diesen Wunden.
Dass es nicht heilen kann, ohne vorher wieder Krusten abzureißen.

Vorhin sagte ich zum Mann,
dass mir auffällt,
dass wenn WIR Streit haben und irgendwo was explodiert
diese Explosion meist auch den Deckel von alten Erinnerungen weg sprengt.

So, als bräuchte es im Heute Explosionen
um Altes von damals aufzudecken.

So, als zünden die Streits im Heute alte Kriegsbomben,
die unsichtbar vergraben
nur auf ihre Hebung warten.

Und als könnte man nur auf solche Art heilen.
Weil nur heutiger Schmerz den Schmerz von früher sichtbar macht.

Ohne den Mut zu Verletzungen in heutigen Beziehungen
würde das Alte weiterhin verborgen vor sich hin eitern
unter dem Staub und Dreck zerfallener Häuser von damals.
Zugedeckt mit einer Flauschdecke der Dissoziation.

Und somit sind Auseinandersetzungen in Beziehungen für mich – oft, aber nicht immer – eigentlich etwas Gutes und Heilsames.
Aber selbstverständlich kommt es auf ihren Verlauf an.
Darauf, ob sie helfen aufzulösen
oder doch wieder nur die Not verschlimmern.
Am Ende.

Das haben wir uns gemeinsam erarbeitet.
Zu Anfang unserer Beziehung konnten wir das BEIDE (noch) nicht.

Ob der Mann auch ein Paulchen hat?
Aber ich glaube schon….
Vielleicht ist das Jenes, wo ich immer glaube, es sei „seine Mutter in ihm“.
Womöglich ist das in Wahrheit auch ein Kind?!
Es sollte einen Namen kriegen.
Und nicht so ungesehen sein in seiner Not.
Es führt glaub ein trauriges Leben….

Nun gut – das Wetter soll morgen sehr schön sein in der Heimat.
Am Sonntag aber soll es regnen.
Mal gucken, ob meine Tochter morgen tatsächlich nur bis 13h arbeitet.
Vielleicht fahren wir schon wieder runter 🙂
Damit sie endlich ihr Bienchen kriegt.
Und einen Mama-Kuschel-Knuddel 🙂

2 Kommentare zu „Wertschätzung

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