Arschloch, manchmal

Eigentlich wollt ich heut garnicht schreiben.
Aber der Mann hat uns mal wieder völlig abgeschlossen.
Und es ist immer so unsagbar fieß.
Und so schwer, da wieder raus zu kommen.
Und so hart, das zu ergründen.
Zu kapieren, zu fühlen und zu begreifen.

Irgendwer innen ist grade so sau wütend.
So unsagbar irre wütend.

Und wenn man dann versucht, hin zu fühlen,
merkt man darunter den Schmerz.
Und die Not.
Die Einsamkeit und das Gefühl, ausgebeutet und benutzt zu werden.
Das Gefühl, nicht gesehen zu werden und immer hinten dran zu stehen.

Und das Gefühl, dass seine Behinderung; sein Schmerz und sein Hilfebrauchen
IMMERZU wichtiger sind,
als unseres.

Und dass ER uns ja BRAUCHT.
Und das bei uns aber was völlig Anderes ist.
Und wir ja nichts haben.
Nichts, das man sieht.

Und dass man es mit uns ja machen kann.

Und wenn wir dann durchdrehen
agressiv werden und wehrhaft oder auch gemein
dann trottet er davon
mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern.
Und ganz besonders extrem hinkend.

Weil wir jetzt Schuld sind, dass ER sich Scheiße fühlt.
Weil wir jetzt so waren, dass ER leidet.
Weil wir jetzt Dinge gesagt haben, weswegen es IHM jetzt nicht gut geht.

Was ist das bloß immer für ein Fuck?!

Es ist grau draußen uns düster.
Wir haben heute nicht soooo viel gemacht – aber wir haben gespült.
Und wir haben IHM ZULIEBE!!!!, um ihm einen Gefallen zu tun,
SEINEN Job gleich mit gemacht und das Geschirr wieder weg geräumt.
Weil die Spüle leer zu räumen ist SEIN Job.

Wir haben 2 Maschinen Wäsche gewaschen.
Und saßen hier und haben weiter blacklist geguckt.

Der Mann hat einen Arzttermin, weil er schon seit gut 2 Wochen oft im Rücken so krampft.
Er hat ANDERE Schmerzen, als die, die er eh immer hat.
Und es wurde bereits hypochondrisch herumgedacht, was es wohl alles sein könnte.
Von Nierensteinen bis Leberproblemen war schon einiges dabei.
Auffallend ist, dass wenn wir laufen, der Schmerz weniger wird.
Von daher denke ich eher, er bewegt sich vielleicht falsch?
Klar, mit der Lähmung ist er eh schief.
Und dass er eigentlich viel läuft, wissen wir nun seit den Trackern genauer.

Aber offensichtlich ist Spazierengehen doch etwas anderes, als im Büro zu laufen.
Weil im Büro bekommt er Schmerzen.
Beim Spazierengehen vergehen sie.

Na, jedenfalls hat er also jetzt Arzt.
Und danach seinen gewohnten Physio-Termin.

Ich guckte also TV, als er Heim kam.
Er ist eh ziemlich angespannt – wegen der Schmerzen – und alleine die Stimmung, die er hierdurch verbreitet, triggert uns oft.
Weil dieses jammerig-Klagende so sehr an die Oma erinnert.

Er kam also Heim für etwa eine Stunde.
Zog sich aus, ging duschen und schaltete dann um auf Fußball.
Die Dusche klappte er wieder auf jene neue Art zu, wie er das seit etwa 1 Woche macht.
So, dass ich mir wieder ewig den Arm am Glas anstoße.
So völlig bescheuert und blöde, wie wir das zuvor über 3 Jahre NICHT mehr getan hatten.
Weil wir das längst geregelt hatten und anders gemacht.
Und nun? Fängt er also ganz plötzlich wieder an, das Glas der Dusche in den Weg zu stellen.

Dann Fußball….
Klar….
Macht er fast immer, wenn er Heim kommt.
Relativ piepe, was ICH grad tue/gucke.
Die Fernbedienung gehört IHM – sobald er Zuhause ist.

Dann meinte er, er brauche seine dunkle Jogginghose.
Wie weit denn die Wäsche sei?
Also ging ich in den Keller, obwohl ich eigentlich garnicht wollte und legte die Wäsche zusammen.
Seine Hose war garnicht dabei.
Sie lag bereits vom letzten Waschen im Schrank.
Er hatte sie nur bei seinem üblichen alles-um-werfen versehentlich nach hinten rutschen lassen.

Irgendwann stand er auf und ging weg – sein Fußball lief weiter.
Aber er kam, wie so oft schon, nicht wieder.

Und dann hätte er noch gern die Nägel geschnitten gehabt.
Aber inzwischen war ich so drüber
und derart getriggert
von dem ganzen „Ja Herr, ich springe Herr, egal was Du befiehlst, Herr“ und diesem kack Stress, den er hier verbreitete.
Und der Fresse, die er zog und dem Geseufze und Geächze.
Weil wie???
Ich WILL?
Dass er aufhört plötzlich wieder das Duschglas so blöd in den Weg zu stellen?
Dass er nicht immer im Schrank seine Stapel über den Haufen wirft und dann nichtmal richtig guckt, ob er mich wirklich in den Keller schicken muß?

Klar, meine Wütenden sind tatsächlich ziemliche Ekel.
Und ja, ich bin ganz sicher keine liebende, nette Ehefrau, wenn er mich derart hoch bügelt.
Aber keiner sieht das Weinen darunter.

Manchmal, wenn es wieder darum geht,
dass ich ihn mit meinen „Ticks“ aber auch zu sehr überfordere
dass er sich all meine „Hirnfürze“ nunmal nicht merken kann
und dass ich mich aber auch wirklich anstelle
und mich nicht immer so „haben“ soll

denke ich über all die Ticks nach,
die ich mir nur wegen ihm längst abgewöhnt habe.
Die ich aufgegeben habe.
Resigniert.
Weil er es eh nie versteht.
Und eh nie Rücksicht nimmt.
Weil es ihm eh egal ist.
Und weil er womöglich Recht hat.

Ja, ich hatte früher meine Gläser und Tassen im Küchenschrank in einer ganz bestimmten Art dort stehen.
Einem bestimmten Winkel, Abstand und Ordnung.
Ja, ich habe im Bad mein Zeug auch so stehen.
In diesem Winkel und an diesem Ort.
Zumindest war das immer so.
Bis er mich ewig damit aufgezogen hat und mir ständig alles doch anders hin stellte.
Und wir nur und andauernd Streit hatten.
Und weil es nicht klappt, ihm das verständlich zu machen.
Begreifbar.
Dass mir das wertvoll ist und lieb.
Dass es mir Sicherheit schenkt und Ruhe.
Harmonie.

Also ist jetzt auch in Bad und Küche alles so krustelig, wie ER es will und macht.
Weil er ja auch den Schrank einräumt.
Und wenn ich dann doch die Dinge rücke, wie ich es brauche,
akzeptiere, dass er ist, wie er ist – aber ich, wie ich
dann beschwert er sich und sagt, dass er es mir wieder nicht gut genug machen kann.

Ach Fuck…..

Jedenfalls ist uns ganz schön die Stimmung gekippt.
Und er saß dann da auf seinem Bett mit Leidensmiene und seinem eigenen scheiß Trigger.
Seinem eigenen „nie bin ich gut genug“.

Er schlich dann aus der Wohnung zum Auto.
Ich hetzte auf den Balkon, um zu rauchen.
Druck ablassen; Spannung los werden.
Die Tränen in meinen Augen fühlen.
Ruhe.
ICH-sein.

Da klingelte es.
Meine gerade angezündete Zirarette lag im Aschenbecher – ich hoffte, es sei nun DHL mit den schon ewig erwarteten Leucht-Sternchen.
Es war der Mann.
Ich soll doch bitte mit raus kommen.
Er hatte letzt im Auto die Anzeige im Amaturenbrett versehentlich verstellt.
Ich soll das doch bitte wieder richtig machen.

Also rannte ich zum Balkon und tötete meine Zigarette förmlich.
Stieg in die Schlappen und erklärte dem Mann unser Auto.
Damit er im Display wieder die Geschwindigkeit sieht.
Und ich hoffe, er hat es sich nun gemerkt, wie das geht.
Verstellen kann er es immer sehr gut – nur zurück kriegt er es nie.

Und nun?
Hab ich endlich eine weitere Zigarette angezündet und störungsfrei geraucht.
Innendrin tobte und weinte es.
Es wollte geschrieben werden.

Pipikram.
Alles Pipikram.
Und doch tut es derart kacke weh immer wieder.

Ich fühl mich so verarscht, benutzt und gebraucht.
Und andererseits hofft innen wer, dass dem Mann nun bloß nichts passiert.
Er war ebenfalls ganz schön erschüttert innen; es ging ihm nicht gut.
So Auto zu fahren ist Scheiße.

Und es wird gehofft, dass er Hilfe kriegt gegen seine Schmerzen.
Während andere denken, er hätte sie sich verdient.

Wie nah all solches Fühlen beieinander liegt.

Ich glaub, die Thera hatte das mal gesagt.
Dass nur derjenige hassen kann, der auch lieben kann.
Und eben denke ich, dass mir mein Onkel vielleicht nur deshalb all die Jahrzehnte so gleichgültig erschien, weil ich niemals liebte?
Lieben KONNTE?
Fühlen?

Je mehr man liebt, desto mehr kann man auch hassen.
Oder, sich zumindest über den Partner aufregen.

Oder was hatte ich noch irgendwo gehört?
Solange Paare streiten, ist alles gut.
Man setzt sich auseinander.

Aber wenn man schweigt?
Nur noch schweigt?
Dann ist die Liebe tot.

Gut, ich glaub, ich hab das jetzt aus mir raus gelassen.
Jedenfalls geht es mir besser.
Ich geh jetzt nochmal rauchen.
Und guck dann nochmal bissi blacklist.
Dann mach ich Salat und hoffe, er kommt gut Heim.

Und wenns gut läuft, essen wir gegen 20h zusammen ein Eis und gucken entspannt TV.
Zumindest ist das sonst meist so.
Am Ende finden wir irgendwo wieder unseren Platz.
Dort, wo wir – hoffentlich – BEIDE Raum haben, wir selbst zu sein.

Euch einen schönen Nachmittag und Abend.
Viel Kraft und Liebe ❤


Gebloggt am 09.05.2020

Manchmal hätte ich…

Eieiei

10.05.2020

Oh Mann

3 Kommentare zu „Arschloch, manchmal

  1. Das erinnert mich daran, dass ich bei der Psychiaterin mal mega unglücklich erzählte, wie sehr wir uns im Urlaub mit der Tochter gezofft haben. Sie lehnte sich lächelnd zurück und meinte, dann sei doch alles in Ordnung, weil wir miteinander reden und ausdiskutieren.
    Schlimm sei nur, zu schweigen.
    Das hat uns lange beschäftigt, weil wir so ein Harmoniebedürfnis haben.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, wir mögen ebenfalls Harmonie.
      Aber wir verstehen langsam, dass alles ohne Streit und Diskussionen eben nicht *Harmonie* sondern Selbstaufgabe, Ignoranz, Gleichgültigkeit o.ä.. sind.
      Und wir lernen, dass Gleichberechtigung nur entsteht, wenn BEIDE auch berechtigt sind.
      Es ist Arbeit und oft tut es auch weh.

      Aber eben kommt der Mann zur Türe rein und sagt „Guten Tag“, mit diesem Lächeln – so, als ist wieder alles ok.

      Der Salat steht schon auf dem Tisch und ich glaub, auch ichwir sind wieder sortierter.
      Es wird einfacher, auch schneller, nach und nach.
      Es wird gut; immer besser.
      Euch einen schönen Abend ❤

      Gefällt 2 Personen

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