Gesehen sein – durch sehen

Hallo, ihr Lieben 🙂

Mein Körper arbeitet.
Irgendwas in mir pulsiert und vibriert.
Es scheint, als würden sich innendrin Dinge verschieben; ihren Platz wechseln.
Oder es ersetzt sich etwas?!

Heute ist ein krasser Tag.
Sonntag.
Die Polizei war im Haus.
Ein Hausbewohner wurde der Wohnung verwiesen – dachten wir.

Ich hatte schon von ihm erzählt.
Eine Familie, 2 Kinder.
Eines davon längst erwachsen.
Eine mausgrau, gebeugt, entkräftet und scheu erscheinende Ehefrau.
Ein Typ, der auch mich bereits in der ersten Woche nach unserem Einzug massiv getriggert hatte.
Grenzüberschreitend, anmaßend und übergriffig.

Dieser Typ hatte mir immer Angst gemacht.
Aber auch der Rest der Familie „machte“ etwas.
Irgendein Gefühl.
„Machte“, dass ich ihnen auswich.
Dass ich versuchte, ihnen zu entkommen.
Nur nicht konfrontiert werden.
Nur nicht (hin-)fühlen.

Sie fühlten sich „komisch“ an.
Innendrin wußte es wer besser.
Trotzdem lief ich ihnen weg.
Senkte den Kopf; tat so, als sähe ich sie nicht.
Grüßte nicht.
Huschte nur schnell vorbei; den Blick abgewandt.

Ich fühlte mich schrecklich.
Ich wußte, dass es nicht gut war, was ich tat.
Ich wußte, dass es schlimm ist und schmerzhaft.
Für mich – und SIE.

Ich fühlte dieses Gefühl der Ohnmacht.
Die Hilflosigkeit und Ratlosigkeit.
Dieses „Das tut man nicht“.
Weder, so mit ihnen umzugehen,
noch, nachzufragen; zu konfrontieren.

Man tut das nicht.
Menschen direkt ansprechen.
Man hat dann halt „so ein Gefühl“ – aber niemals Gewißheit.
Auch niemals ein „Gemeinsam“ oder „Zusammen“.
Nur Isolation und Einsamkeit.

Ich kannte ihr Aussehen; ihre Stimmung; ihren Gesichtsausdruck.
Ich fürchtete, dass es eben nicht nur „so ein Gefühl“ war – sondern Wahrheit.
Aber ich wußte es nicht.

Auch die Kinder – der eine studiert bereits – sind „komisch“.
Immer gesenkte Köpfe; niemals Augenkontakt; immer still.

Heute nun?
Wir leben jetzt hier seit glaub 4 Jahren.
Es war einfach GENUG!!! mit „so ein Gefühl“.

Und es war GENUG!!! mit Isolation und Einsamkeit.

Wir hatten es reden gehört im Treppenhaus.
Der Mann hatte aus dem Fenster gesehen und entdeckt, dass die Polizei in der Gegend sein muß.
Wir hatten versucht, an der Wohnungstüre zu lauschen.
Ichwir – nicht der Mann.
Ich glaube, wir waren auf der Suche nach Gewißheit; einem Anzeichen von Wahrheit; einer Bestätigung.
Am Ende bekamen wir sie nicht vom Zuhören (versuchen) – man verstand nicht allzuviel.
Außer, dass er unentwegt davon erzählte, wie schlimm und furchtbar seine Frau sei und wie schlimm sie die Kinder gegen ihn aufbrächte.

Wir sahen dann, wie die Polizei ihn hinaus führte, mit Taschen.
Wie er gehen mußte.
Mit einem Mann, den wir noch nie gesehen hatten.
Später erfuhr ich, dass das ein Sohn aus vorheriger Ehe war, der normalerweise den Kontakt zu ihm ebenfalls vermied.

Ich saß hier im Sessel und in mir arbeitete und wühlte es.
Klarheit.
Gewißheit.
Sicherheit.
Auch unermeßliche Traurigkeit und Mitgefühl.
All die Einsamkeit, Isolation und Verzweiflung.

Es ist Zeit!!!! – forderte eins im Innen.
Der Mann konnte es nicht nachvollziehen; verstand nicht.
„Man kann sich doch nicht einmischen!!!“
„Du weißt doch nichts!!!“
„Das tut man nicht!!!“

Ja, wir haben seit gut 4 Jahren mit der Familie so gut wie kein Wort gewechselt.
Ja, wir flüchteten wohl beide gegenseitig voreinander.
Ja, jeder huscht möglichst still im leeren Treppenhaus herum – nur, um bloß keinem zu begegnen.
Aber JA – genau DAS ist der Nährboden und der Dünger für all das, was im Geheimen passiert.

Schweigen.

Ich bin hoch gegangen.
Ich habe geklopft.
Sie hat geöffnet.
Und ich habe ihr gesagt, dass ich mitbekommen habe, was passiert sei – zumindest ein bißchen.
Ob ich ihr helfen kann.
Und sie bat mich herein.

Ich bin dankbar.
Ich bin berührt.
Auch aus 4 Jahren schweigendem Huschen kann (noch) Verbundenheit entstehen.
Verständnis.
Eine Art von Nähe.
Zweisamkeit, statt Einsamkeit.

25 Jahre emotionale Gewalt.
25 Jahre schweigende, stille Vergewaltigung.
Morddrohungen, Kontrollzwang und Ohnmacht.

Ein Täter von vielen.
Ein Nachbar.
So viele Jahre lang.

Und niemand hat etwas gemerkt.
Niemand hat etwas GETAN.
Auch ich nicht.

Es erschüttert mich, wie diese Mechanismen wirken.
Wenn man im Außen sich selbst sieht – und sich aus Angst vor dem eigenen, inneren Schmerz oder den Erinnerungen abwendet.
Wenn Außengewalt Erinnerungen an noch schwingende Innengewalt zum Klingen bringt.
Wenn man es nicht erträgt und aushalten kann, das eigene Leiden im Anderen zu sehen.
Dann läßt man sie einfach allein.

Wir saßen lange in ihrer Küche und redeten.
Wir sind jetzt per Du.
Sie ist mir nicht böse – sie hat Verständnis.
Dass ich bisher so war, wie ich war.

Eine sehr kluge, gebildete Frau.
Derart in ihrem Inneren zerstört.
Weil ihr Mann, ihr Täter, vor Eifersucht und Neid platzt.
Weil er ihr weit unterlegen ist – und das nicht auszuhalten vermag.
Weil er machen will, dass sie ihre Größe verliert.
Und kleiner ist, als er.

Sie hat Hilfe.
Sie hat andere kluge Frauen um sich.
Sie ist nicht alleine.
Er ist nicht akut gegangen worden – das System wirkt bereits.
Er wollte sich Zutritt verschaffen, obwohl er längst nicht mehr hier wohnt.
Wir hatten das nicht mitgekriegt – vielleicht waren wir bei der Tochter gewesen.

Gut, jetzt zu wissen, dass er hier nichts mehr zu suchen hat.
Gut, ihn nicht versehentlich womöglich ins Haus zu lassen.
Gut, ehrlich gewesen zu sein – wir beide.

Sie war erstaunt.
ICH????
Auch Gewaltopfer?
Das hatte sie nicht gedacht.

Durch meinen Schritt haben sich unsere Türen geöffnet – füreinander.
Sie hat mich eingeladen, jederzeit zu klopfen.
Mal auf nen Kaffee oder was auch immer.
Bissi quatschen.

Auch mein Gefühl zu ihren Kindern hat sich völlig verändert – alleine dadurch, dass Geheimnisse nicht mehr geheim sind.
Gefühle nicht mehr im Dunklen, sondern ausgesprochen.
Sie will ihren Kindern sagen, dass auch mein Verhalten nichts mit IHNEN zu tun hat, sondern mit mir selbst – wenn das ok für mich ist.
Und ja, ich denke, das ist gut.

Veränderung.

Irgendwie bewegt sich derzeit etwas.
Da ist die Frau von der Neurographik.
Dann wagte ich mich gestern, einer Buchautorin eine Mail zu schreiben.
Und heute nun der Kontakt zur Nachbarin.
Frauen treten in mein Leben.
Ich öffne meine Türe.

Auch mit dem Mann finden immer wieder Gespräche statt.
Über unsere Gefühle, unseren Sex und er machte vorhin den Vorschlag, dass es vielleicht gut sei, eine feste „Kinder-Kuschelzeit“ einzurichten.
Gegen Kinder-Einsamkeit.
Und geschützt, ohne irgendein Sexzeug.
Ich glaube, das wäre gut.

Er sagte auch, dass es DOCH gut war,
dass ich zur Nachbarin ging.
DOCH gut, ehrlich zu sein.
DOCH gut, Hilfe anzubieten.

Nun wisse man wenigstens, dass man ihr helfen kann; soll; darf, sollte ihr Mann sich tatsächlich doch wieder her wagen.

Es ist wichtig, zu sprechen.
Und gut, das zu lernen und zu erfahren.
Zu fühlen.

Euch einen schönen Tag.
Und viel Kraft und Liebe ❤


Gebloggt am 06.10.2020

Jetzt wird s eklig draußen

Fast hätt ich´s vergessen

07.10.2020

Eine Zeit zum Durchknallen

08.10.2020

Kampf, Kampf, immer nur Kampf

10.10.2020

Wahrnehmungs-Durcheinander

Fühlen


Werbung

6 Kommentare zu „Gesehen sein – durch sehen

    1. Ich glaube, das ist eine Art, sich auch SELBST zu helfen
      oder vielleicht ein Gefühl nachzuholen, Hilfe zu BEKOMMEN; sichtbar zu sein oder gut,
      indem man auf ein anderes Gewaltopfer zugeht und gibt, was man selbst ersehnt oder gebraucht hätte.

      Eine Art Täter/Opfer-Umkehr.
      Raus aus dem Wegsehen – hin zum Hinsehen.
      Werden, was man hofft(e), dass ANDERE es sind.

      Oder auch die bewußte Veränderung innendrin, auch außen hell zu sein.
      Raus aus dem Dunkel?
      Zumindest tritt mir da innen wer derart in den Hintern und zwingt ins TUN, dass man garnicht anders kann, als es umzusetzen.
      Und der Körper pulsiert und es sind irgendwelche Energien innen fühlbar in Bewegung. Gänsehaut und sowas….
      Ein noch sehr unbekanntes Gefühl.

      Soziale Kontakte fallen uns auch sehr schwer.
      Da ist immer diese riesige Angst vor weiteren Not-Situationen.
      Aber wie kann man je glauben (lernen), das es auch gute Menschen gibt, wenn man sie niemals kennenlernt?
      Also müssen wir es/uns wagen.
      Anders geht es nicht. Wenigstens ab und zu 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Energien und außen hell sein wollen, klingt gut und nach Entwicklung. 💕
        Zum Glück haben wir immer wieder auch gute Menschen kennen lernen dürfen. Auch im WordPress ☺️
        Vermutlich hatten wir früher sehr viel mehr soziale Kontakte und erlauben uns jetzt eher unser introvertiert Sein.

        Gefällt 1 Person

  1. Oh wie mutig und schön!
    Ich glaube wir alle können uns sehr gut auf unser Bauchgefühl und ahnen verlassen.
    Gewaltopfer erkennen Gewalt wieder, auch wenn es weh tut.
    Und ja immer wieder füchterlich zu erkennen WIE weit verbreitet diese häusliche Gewalt ist. Schrecklich. Viele liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..