Eben, als ich bei Paula Rabe den neuen Beitrag las,
änderte sich meine Meinung, heute wieder nicht zu schreiben.
Mir gingen Gedanken durch den Kopf.
Und viele Gefühle durch den Körper.
Und ich möchte keinesfalls
– und hoffe inständig, dass man mich nicht mißversteht –
rituelle Gewalt in der Kindheit
mit Prostitution gleichsetzen.
Und dennoch…..
es fühlte sich an, als seien sie verwandt.
Aus ein und dem selben Ursprung und mit ähnlichen – und doch anderen – Auswirkungen und Zwecken.
Verluste……
Erst letzt hatte ich zum Mann gesagt,
dass es wirklich krass sei.
Früher, da hatte ich immer so unsägliche Angst.
Ich hatte unerträgliche, grausame Angst,
irgendwer könnte mein Geheimnis erfahren.
Irgendwer könnte rausfinden,
woher ich komme und was ich getan hatte.
Irgendwer könnte merken, welcher Mensch ich in Wahrheit bin.
Ich wollte nicht mit Menschen sprechen.
Sie nicht ansehen – sie nicht MICH sehen lassen.
Weil ich glaubte, man sähe es mir an.
Und dann würden sie mir weh tun. Mich verachten, beschämen und beschimpfen.
Heute nun?
Ich sagte zum Mann, dass ich glaube,
selbst wenn ich mir heute ein T-Shirt anzöge, auf welchem stünde, dass ich Prostituierte war,
MAN WÜRDE MIR NICHT GLAUBEN.
Ich sehe einfach nicht so aus.
Und ich benehme mich nicht so.
Das ist genau so,
wie einst der Mann im Büro erzählte, dass wir zusammen im Swingerclub waren.
Und alle lachten.
Weil sie glaubten, er hätte einen Scherz gemacht.
Wie geht der Spruch?
„Willst Du ein Geheimnis wirklich bewahren,
dann mach es öffentlich.
Weil keiner wird dir glauben.“
Es ist echt krass.
Ich merke, wie es innendrin dissoziiert.
Das Thema geht mir flöten.
Ich muß ewig rauchen gehen.
Dann zittert der Körper wie Espenlaub und ich finde das Thema nicht mehr.
Vorhin noch gingen mir so viele Parallelen durch den Kopf.
Jetzt ist alles weg und ich würde am liebsten alles löschen und doch nicht schreiben.
Familie.
Prostitution als Ritual.
Wie viele Väter kamen früher mit ihren Söhnen zu Huren,
damit aus ihnen „echte Männer“ wurden.
Ich hoffe inständig, dass heutige, junge Väter anders sind.
Dass heutige Väter solchen Schwachsinn unterlassen.
Dass sie ihre Söhne heute nicht mehr zwingen.
Zu käuflichem Sex unter den Augen ihrer Väter.
Um etwas aus ihnen zu machen, das offensichtlich nur Huren aus ihnen machen können.
Etwas, das besser ist, als würde es erst dann geschehen, wenn die Söhne wüßten, was LIEBE ist.
Oder, wenn ich mich erinnere, an diesen einen Abend.
Als ein Chef mit seinen 2 Lehrlingen in den Club kam.
2 junge Buben, 16 und 17 Jahre alt.
Unsicher und ängstlich.
Die versuchten, dem Wunsch nach „Coolness und Mannsein“ ihres Chefs nachzukommen.
Er gab sie mir mit auf´s Zimmer – alles ging auf seine Kosten.
Ich sollte aus ihnen Männer machen – zusammen.
Ich glaube – und hoffe inständig – wir hatten uns 2 Stunden lang gut unterhalten.
Und dem Chef dann eine gute Geschichte erzählt.
Paula schreibt von Verlusten.
Und ich dachte daran, wie es früher unter Huren war.
Familie.
Eine Familie, die man zuvor nie hatte.
Wenn ich daran denke, wie schwer mir der Ausstieg gefallen war.
Wie krampfhaft ich versucht hatte, daran festzuhalten.
Früher schon, als ein Mann mich 2000 gebeten hatte, auszusteigen.
Und ich es nicht konnte – auch nicht für IHN.
2013 dann, als ich für den Mann ausstieg.
Auch, weil meine Seele es nicht mehr zuließ.
Weil ich durch ihn dann endlich zunehmend verstand,
dass und wie sehr Prostitution GEWALT ist.
Und wie ich dennoch festhielt,
glaubte, dann mache ich halt nur „Beratung“ und noch ein bißchen „streicheln“.
Glaubte, die „armen Männer“ brauchen das doch.
Und dann aber merken mußte,
dass solche Männer, die zu Huren gehen, eben doch nicht kommen, wenn sie nicht zumindest glauben können, dass sie ficken KÖNNTEN – auch und obwohl sie das womöglich nicht wöllten oder könnten.
Aber wenn ficken nicht geht,
wenn man das nicht DARF,
dann will man auch erst garnicht dort hin.
Es hatte mir unsäglich weh getan,
zu realisieren,
dass selbst meine Stammfreier, die eigentlich oft garkeinen Sex gewollt hatten,
dann nicht mehr kamen.
Zu realisieren,
dass es eben NICHT *Ich* gewesen war,
die wichtig für sie war.
Ich war austauschbar.
Ich war Ware.
Die „Familie Prostitution“
hatte sich in den bald 30 Jahren, die ich dabei gewesen war,
unsäglich verändert.
Zuerst fiel der Zusammenhalt unter den Frauen weg.
Seinerzeit, als 2000 die Grenzen öffneten.
Und dann fiel die Illusion, dass Freier dich mögen.
Mein ganzes Leben lang hatte ich das Gefühl gehabt,
dass „die Gesellschaft“ mich ohnehin nicht mag.
Meine Ursprungsfamilie hatte mir das eindrücklich klar gemacht.
Schon mit 2 oder 3 Jahren.
Weil schließlich war ich „nur die Tochter meiner Mutter“.
Ich war „zu blöd zum Ficken“.
„Sowieso nur geboren, um Männern zu dienen“.
Ich hatte unterwürfig und duldsam zu sein.
Schließlich WAR ich ja auch nur GEDULDET.
Die „Familie Prostitution“ schien zwangsweise die logische Folge zu sein.
Dort waren alle wie ich.
Alle waren irgendwie ausgestoßen, ungeliebt und wertlos.
Und FANDEN aber dann all das, was sie niemals hatten, in der kommerziellen Zärtlichkeit mit Freiern.
Dort wurden wir zu jemandem.
Man gab uns Geld für das, wofür wir geboren waren.
Man bekam Komplimente, Wertschätzung und Anerkennung.
Zärtlichkeit, Wärme und Nähe.
Zumindest früher mal.
Zumindest schien es so.
Keine Ahnung, ob sich tatsächlich die Prostitution verändert hatte?
Oder die Individuen?
Oder einfach ICH?
Hab ich es nur nach und nach anders wahrgenommen und verstanden?
Gefühlt?
Es ist hart zu gehen.
Es zerreißt das Herz.
Man muß alles verlassen und zurück lassen,
das man KENNT.
Das man zu lieben glaubt, zu brauchen.
Das dich „ausmacht“.
Das Du BIST.
Und man tauscht es ein,
gegen FREMDES.
Gegen Angst, entlarvt zu werden
demaskiert.
Gegen Scham, Ohnmacht und Einsamkeit.
Gegen Isolation und Rückzug.
Ganz unerwartet und mit größter Vehemenz
überkommt dich unversehens der Verlust jedwelcher Sexualität.
Deine Seele scheint dich zu zu machen; zu verschließen.
Das, was vermutlich als Schutz gedacht ist, bringt dich in Verzweiflung.
Du fühlst nicht mehr – nicht DORT.
Kein Bedarf mehr.
Zu viel.
Es reicht.
Aber wenn Du DAS nicht mehr kannst?
DAS?
Das EINZIGE, für das Du geboren bist?
Das EINZIGE, das dir Lebensrecht gibt?
Das EINZIGE, das Du KANNST?
Was bleibt dann noch????????
Auch Prostitution ist ritualisiert.
Gesellschaftlich anerkannt.
Von Männern oft nahezu erwartet.
Man setzt es voraus.
Fällt sie weg,
oder stehst Du ihr gegenüber skeptisch da,
bekommt man Gegenwind.
Frauen,
die unablässig erzählen, wie gut es doch sei, dass es sie gibt.
„Weil sonst würden ja ständig Frauen vergewaltigt“.
Sie vergessen, dass auch trotz und mit Prostituion,
auch dennoch und heute und morgen
noch genug Frauen vergewaltigt werden.
Außerhalb – aber auch innerhalb – der Prostitution.
Und dass Vergewaltigung in unseren Gerichten noch immer irgendwie nicht als Verbrechen wahrgenommen wird.
Opfer nicht als Opfer.
Und Täter nicht als Täter.
Wie oft hat man mir gesagt,
wie schön es doch sei,
wenn man
„sein Hobby zum Beruf machen kann“.
– und keiner sah meinen Schmerz.
*noch ne Zigarette*
Eben denke ich, wie normal es doch ist, in unserer Gesellschaft, zu BENUTZEN.
Es ist nicht nur in der Prostitution – es ist ÜBERALL.
Menschen benutzen ALLES – wenn man das erlaubt.
Für all ihr unbewußtes Fühlen.
Um all dieses Fühlen, das sie nicht fühlen, irgendwie zu befriedigen.
Um weiterhin nicht zu fühlen.
Es könnte sonst weh tun.
All das Sehnen.
Aber niemand will das sehen.
Und kapieren.
Also wid gekauft, was man kaufen kann.
Andernfalls gesoffen, Drogen genommen, gearbeitet über alle Maßen, oder eben gefickt.
Alles und jede/r, die-der nicht rechtzeitig weg kommt.
Fühlen tut (oft) weh.
Und Schmerz will keine/r.
Ausstieg tut weh.
Die Suche nach Anderem.
Anderem, das Lücken füllt.
Lücken, die schmerzen, bis man sie in ihrer ganzen Tiefe empfunden und wahrgenommen hat.
Ich habe Sehnsucht.
Nach Menschen und Kontakt.
Aber noch immer weiß ich nicht,
wie das GEHT.
Ich bin nun seit 9 Jahren ausgestiegen.
Und habe noch immer Angst, jemand könnte mein Geheimnis erfahren.
Mehrmals schon hatte ich Mut.
Die Thera, die PsychSozFrau, der Osteopath.
Meine Tochter, der Mann ja sowieso.
Einzig, bei der Kinesiologin, war es schlief gegangen.
Sie hatte mein Vertrauen nicht verdient.
Aber jedes Mal, wo ich mich wage, ehrlich und ich SELBST zu sein,
wo ich erzähle, von meinem Leben,
entsteht Nähe.
O.
meine Nachbarin,
wo ich mich gewagt hatte, zumindest zu sagen,
dass auch ich Gewaltopfer bin
geht Sonntag wieder mit mir laufen.
Und hin und wieder schreibt sie mir auf Whatsapp einen Dank.
Wegen meiner Ehrlichkeit und Empathie.
Meinem sie-Verstehen und meinem immer-die-richtigen-Worte-Finden.
Oft denke ich dann zwar,
dass das so garnicht stimmig ist mit all meiner Angst und meinen Zweifeln,
aber ich versuche, es anzunehmen.
Oft frage ich mich,
ob ich es wohl irgendwann wagen könnte,
ihr die ganze Wahrheit zu erzählen.
Aber ist es notwendig?
Ist es heute noch wichtig?
Wer und was ich WAR?
Vor 10 Jahren?
Wo heute so vieles anders ist?
Oder ist es genau DAS, was es braucht?
Ehrlichkeit?
Vertrauen?
Um heilen zu können?
Wann ist ein Ausstieg eigentlich GETAN?
Wirklich und gänzlich?
Wann ist die Türe wirklich geschlossen?
Wie lange dauert ein solches Gehen?
Ich wünsche Euch einen guten Tag.
Viel Kraft und Liebe ❤