Heute bin ich so grau(sig)

wie draußen das Wetter.

Die Zeit fängt wieder an.
Diese Zeit, in welcher man permanent damit beschäftigt ist,
zu überleben.

Irgendwer innen malt unablässig Selbstmord-Filme.
Denkt sich unzählige Möglichkeiten aus, zu sterben.

Ein Inserat, zum Beispiel.
In welchem man Männer sucht, die zu Ende bringen, was andere anfingen.
„Suche Männer, die mich tot ficken.“

Alternativ könnte man auch den Griff eines Messers in der Matratze befestigen – die Klinge steil nach oben.
Und sich einfach rückwärts drauf fallen lassen.

Oder sich am Geländer des äußeren Kellerabgangs einfach aufhängen.
Oder, sich strangulieren irgendwie.
Oder
Oder
Oder

Leben scheint unaushaltsam.
Wie kann man es ertragen, sich unentwegt zu erinnern?

Gestern war eigentlich ein guter Tag.
Aber schon vorgestern war da ja irgendwas mit dem Mann.
Vorgestern?
Wirklich?
Man weiß es nicht mehr.
Auch letzte Woche war das glaub, mit dem Auto.

Gestern hatte man überlegt, man könnte ja mal wieder „ja“ sagen zum Mann.
Zärtlichkeit; Nähe; Körper – ist schon wieder so lange her.

Wir kuscheln eigentlich recht viel.
Denken wir oft.
Wenn man so hört, wie Durchschnittspaare statistisch scheinbar so leben.
Wenn man hört, dass das Durchschnittspaar durchschnittlich 10 Min. die Woche miteinander redet.

Wir umarmen uns zum Aufstehen und zum Schlafengehen – und oft auch zwischendurch.
Wir küssen oft.
Und wirklich sehr oft reden wir.
Oft ist das garnicht geplant. Man will vielleicht bloß „was sagen“ – und oft entwickeln sich daraus dann tiefe Gespräche über 4 oder 5 Stunden, wo wir dann oft erschrecken, wie schnell die Zeit vergeht.
Aber diese Gespräche sind immer sehr heilsam, liebevoll und wertvoll.
Wir wertschätzen sie beide sehr.

Nur Sex… Sex gibt es bei uns nicht viel.
Weil die Chancen wirklich schlecht stehen, dass es schön wird.
Meist sind da solche Trigger zugange, dass wenigstens 1 von uns irgendwann weint.
Oder, sich zumindest beschissen fühlt.
Meist aber beide.
Deswegen wagen wir das nur selten.
Weil unsere Beziehung ist echt GUT.
Aber eben nur, wenn wir Sex vermeiden.

Gestern kam mir in den Sinn, dass wir womöglich unsere „körperliche Nähe“ durch „geistige Nähe“ kompensieren.
Womöglich ist es eine Vermeidungsstrategie.
Einfach mit Worten zärtlich zu sein – statt mit dem Körper.
Nähe im Kopf.

Ich weiß nur nicht, ob das nun eine geniale Strategie ist?
Weil sie funktioniert und uns beiden gut tut.
Oder,
ob es in Wahrheit Kacke ist,
auszuweichen.

Andererseits ist es ja nicht so, dass wir Sex gänzlich vermeiden.
Wir versuchen es ja immer wieder mal.
Manchmal ist es dann auch tatsächlich schön.
Oft aber tut es halt auch einfach nur weh.
Meist in der Seele – selten im Körper.

Gestern ging das alles sehr schnell.
Kaum angefangen, war auch schon wieder fertig.
Angefangen womit?
Schon alleine das Hinliegen war der Grund.
Er liegt im Bett, als wolle er allein bleiben – da ist einfach kein Platz für mich und ich muß erst drum bitten.
Und dann ließ er seine Beine „bequem auseinander fallen“.
Weil ihm das gut tut im Rücken – sagt er.
Aber dabei legt er seine Kniescheibe voll auf meine Kniescheibe.
Wo soll ich denn hin mit meinem Bein????
Und irgendeiner seiner Knieknochen drückt ganz blöd an meine Kniescheibe und verschiebt sie.

Nein, wirklich *weh* tut das nicht.
Aber mir wird übel davon.
Es ist eklig und unangenehm.
Und ich fühle mich unbeachtet; unwichtig, scheißegal.
Hauptsache, seinem Rücken gehts gut und er liegt bequem.
Was mit mir ist, spielt keine Rolle.

Und zack, war das Kuscheln auch schon wieder vorbei.
Am Ende lieg ich neben ihm auf den 25cm Platz, die er mir gibt und heule.
Weil klar…. nun hab ich auch noch gesagt, dass mir das weh tut und damit IHM weh getan.
ER ist jetzt getriggert und in ihm toben diese „Du kannst ja sowieso nix“; „Du bist ja eh zu blöd zu allem“; „Du wirst das nieee hinkriegen“-Innens und dann zieht auch ER so ein Gesicht.

Was für eine Scheiße immer.
Er wollt dann auch nicht mehr liegen bleiben.
Trösten schonmal garnicht.
Liebhaben auch nicht mehr.
Was dann wieder MICH triggerte und diese Zurückweisung; das Ablehnen und Wegschicken tat doppelt weh.

Am Ende lag ich alleine in MEINEM Bett – nicht mehr bei ihm – und heulte.
Während ER ins Wohnzimmer ging und TV guckte, weil er – wie er später sagte – auf diese Art Nähe mit mir herstellen/halten wollte.
Aber nun war ich ja nicht mehr da – und ER fühlte sich abgelehnt.

Oh Mann……
Warum kann das alles nicht einfacher sein?
Wieso sind wir bloß BEIDE so grausam kaputt gemacht worden?
Und wie soll das jemals besser werden?
Wo wir doch BEIDE so kämpfen müssen?

Und die Totseinwoller in mir hören einfach nicht damit auf.
Die Hoffnungslosen, Einsamen und Gemetzelten.

Hey, das war nur eine KNIESCHEIBE.
Das waren keine 3 Minuten.
Aber die Welt bricht davon zusammen.

Heute Früh nun ist eigentlich alles wieder gut zwischen uns.
Der Mann hatte die Idee, dass wir doch öfter mal nur kuscheln könnten.
Mehr Nähe herstellen – körperlich.
Klar, dass ich nicht nach 6 oder 8 Wochen „ohne“ einfach ein Knöpfchen drücken kann und schwupp, ist Nähe möglich.
Sofort und zack.
Ich weiß nicht, ob das irgendwann mal klappt. Dass aus irgendwelchen Ideen, Plänen oder Vorhaben tatsächlich längerfristig auch Taten werden.
Meist planen wir nur – TUN tun wir es dann allenfalls 1x.
Irgendwie bleibt das TUN auf der Strecke bei uns.

Ich fürchte, dass vor allem im Mann noch viel zu viele unbewußte Widerstände laufen.
Oft sagt er Dinge, die er gerne (tun) will.
Aber er TUT sie nie.
Er weiß keine Antworten, wenn ich frage, weshalb.
Aber ich bin nunmal eine Frau – wie seine Mutter.
Und nicht nur in uns finden Erinnerungen statt.

Irgendwie ist das alles eben so traurig.
Da sind so viele Tränen in uns.
Schmerz, Bedauern, Resignation auch.

Ich wachte heute auf aus einem Traum, in welchem der Mann und ich uns trennten.
Der letzte Satz im Traum vor dem Aufwachen kam aus meinem Mund.
„Da hätten wir ja nicht heiraten brauchen, wenn wir uns nach 4 Jahren schon wieder scheiden lassen“.

Ein Glück sind wir inzwischen schon fast 8 Jahre verheiratet.

Als wir letzt bei der Tochter waren, erzählte sie uns, dass ihre Thera ihr hilft, Einen Antrag auf Behinderung und anschließend auf OEG zu stellen.

Wir haben total Angst, dass in diesem Antrag WIR die Täter sind – auch.

Letzt hatten wir im TV irgendwas gesehen, wo erklärt wurde,
dass es auch *indirekten sexuellen Mißbrauch* gibt.
Das ist, wenn ein Erwachsener vor einem Kind permanent über seine sexuellen Aktivitäten erzählt.

Unser Vater hatte das immer getan.
Wenn er morgens beim Frühstück erzählte vom Kopfgeld in Puffs und dass er das jedes Mal gleich abgefickt hätte.
Oder, wenn er vom Sex mit meiner Mama erzählte – wie verklemmt sie war.
Und demgegenüber der Sex mit anderen Frauen.
Oder auch womöglich, wenn er dann später zu uns sagte, er könnte uns jetzt nicht mehr umarmen – denn wir würden jetzt eine Frau werden und er hätte Angst, er könnte sich jetzt nicht mehr beherrschen.

Aber auch WIR haben es getan – nur anders.
Weil die Tochter ja immer Zuhause war.
Wenn wir ständig irgendwelche Typen dort hatten und zu jeder Tag- und Nachtzeit taten, was wir tun MUSSTEN.
Weil wir glaubten, dass dies Liebe sei.
Und es nicht aushielten, wenn ein Mann uns nicht seine Liebe schenken wollte.

Ich weiß, dass wir ihre Sexualität zerstörten.
AUCH.
Da waren noch andere.
Aber eben auch wir.

Die Tochter hat ähnliche Probleme, wie wir.
Auch SIE kann nur schwer Sexualität leben.
Gut, womöglich hatte sie auch nie eine/n wirklich zärtlichen Partner/in.
Womöglich fehlte da auch Geduld und echte Liebe.
Womöglich ist „guter Sex“ auch schwer, wenn man jung ist.
Aber dennoch sind wir überzeugt, mit schuld zu sein am Trauma der Tochter.
Wie könnte das auch anders sein?

Da ist so viel Traurigkeit und Bedauern in uns.

Tja… und dann ist bald das Tanzen.
Tanzen….. wie kann das zu solch einer Gefühlswelt nur passen?
Neue Menschen kennenlernen?
Etwas tun, das man sonst NIE tut?

Wenn wir in den Spiegel sehen, erschrecken wir über dieses traurige, alte Gesicht.

Die Tochter sagte letzt, wir müßten viel mehr lachen.
Wir schauen so oft so traurig.
Aber mit Lachen sehen wir soooo jung und schön aus.

Ich fürchte, Herbst und Winter sind nicht gemacht für´s Lachen.
Vielmehr für Traurigkeit, Schmerz und Wehmut.
Blätter fallen……

Wir wünschen Euch viel Kraft und Liebe.
Und Sonne im Herzen ❤

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