Unrechtsland

Es ist schon merkwürdig, was einem beim Abspülen und Salat zupfen alles durch den Kopf gehen kann.
Eben ist es wieder so unaushaltsam.
Unser „Rechtssystem“.

Dass der Mißbrauch an Kindern verjähren kann.
Dass man nur 20 Jahre Zeit hat, ab „Bewußtwerdung“.

Was ist das eigentlich?
Wie deffinieren die „Bewußtwerdung“?
Ist es Bewußtwerdung ab jenem Moment, da dir irgendwer sagt, dass Du mißbraucht wurdest?
Weil Du eine einzelne Sequenz deines Traumas erinnerst?

Oder ist Bewußtwerdung immer dann, wenn Du nach und nach und nach immer mehr Einzelheiten erinnerst?
Also hätte man in diesem Fall doch sehr VIEL Zeit?
Weil man in all den Jahren, nach und nach,
jeden Tag; jeden Monat; jedes Jahr ein bißchen MEHR erinnert?

Und wenn mir HEUTE etwas einfällt –
hab ich dann für DIESE eine Sequenz dann wieder 20 Jahre Zeit?
Auch wenn es schon über 30 Jahre her ist, dass ich erfahren habe, dass es nicht NORMAL gewesen war?

Aber ich fürchte, so geht das nicht.
Ich fürchte, es ist alles verjährt.
Zu einer Zeit, in welcher ich eben NICHT erinnerte.
Nicht ALLES.
Noch immer nicht.

Ich dachte an meinen Bruder.
Weil letzt die Seelentrauben von ihrem schrieben.

Nein, mein Bruder hat mich nicht mißbraucht.
Er war ja im Heim.
Bei der Mama.
Er hatte das, was ich mir immer so ersehnte.
Und ich jenes, das ER ersehnte.
Glaubten wir.

Heute frage ich mich oft, ob nicht womöglich meine Mama meinen Bruder anfaßte?
Oder zumindest irgendwer im Heim?
Weil er ist, wie er ist.
Weil er sich so sehr wehrt.
So sehr verleugnet.
So unsagbar agressiv, brutal, kaltherzig, geldgeil und machthungrig ist.

Mein Bruder ist ein Tätertyp.
Ein Typ, der lieber Täter wird, als dass er sich sein eigenes Leid ansehen würde.
Ein Typ, der völlig unreflektiert auf Schwache tritt.
Und der dermaßen mit unserem Onkel sympathisiert
ihm derart in den Arsch kriecht
dermaßen loyal und andienend ist
dass mir echt das Kotzen kommt.

Mein Bruder muß mich garnicht sexuell mißbrauchen.
Er tut das alleine schon durch seine Stellung gegenüber meinen Tätern.
ZU meinen Tätern.

Ich dachte beim Spülen darüber nach,
was wohl passieren würde, wenn ich meinen Onkel und die Tante in ihrer Wohnsiedlung als Kindermißbraucher outen würde?
Wenn ich sie in ihrem Tennisclub und sozialen Umfeld öffentlich machen würde?

Ich sinnierte darüber,
dass ich nichts kaputt machen dürfte.
Keine Sachbeschädigung.
Keine körperlichen Angriffe.
Kein Graffiti am Haus oder Auto.

Was aber passiert, wenn man ein Schild aufstellt?
Oder wenn man möglichst anonym im Internet auf einer Seite sowas publiziert?

Was, wenn es außer „übler Nachrede“ keinen Anklagepunkt gäbe?

Wie hoch ist die Strafe für üble Nachrede?
Und würde er es wirklich wagen, mich anzuzeigen?
Würde er es wagen, die Polizei zu rufen und ein Gerichtsverfahren gegen mich zu führen?
Öffentlich?

Eines, wo ich alles sagen und erzählen könnte?
Auch, wenn es verjährt ist?
Sagen, weshalb ich das getan hatte?

Womöglich käme ich mit Bewährung davon?
Aber SEIN Ruf wäre zerstört.
Am Ende würde er verlieren.
Vermutlich.
Weil der ein oder andere dann DOCH Zweifel hätte.
An ihm.

Aber würde ich mich das trauen?

Wenn man in Deutschland Täter anzeigen will,
muß man Beweise haben.
Wenn man aber seine gesamte Kindheit hindurch ein derartiges NORMAL lebt,
HAT man keine Beweise.
Wofür denn?
Für das, was ALLE Kinder erleben?
Wie die sagen.

Wenn die Behörden Beweise suchen sollen,
brauchen sie einen Verdacht.
Aber nur, weil Du was erzählst, ist das noch lange kein Grund.

Ich frage mich, ob es nicht sogar Beweise GÄBE,
würde nur irgendwer danach SUCHEN.
Aber ich selbst habe hierzu kein Recht.

Wenn man dieser Behörde, die Fotos und Filme „sichtet“ nur sagen könnte,
wer man ist.
Was auf den eigenen Fotos drauf sein muß.
Was fotografiert wurde, wie und wo.
Dass man sagen könnte: „Das bin ICH – und der Täter ist XY“.

DANN hätten sie Beweise.
Und selbst wenn er heute vielleicht keine Kinder mehr mißbraucht – weiß ich das? –
dann wäre es vielleicht wenigstens Handel mit Kinderpornographie.
Womöglich tut er das.
Womöglich noch heute.
Womöglich sind jene Fotos aus den 70gern von mir auch im Netz.
Womöglich noch heute.

Aber man darf nichts sagen.
Weder den Nachbarn, noch den Behörden.

Wobei….
die Behörden kennen seinen Namen.
Schon seit gut 30 Jahren.
Schon seit meiner ersten „Bewußtwerdung“.
Nur interessiert das keinen.
Es interessiert sich NIEMAND für den Namen meiner Täter.
Man kann das den Ämtern erzählen, so oft man will.

Was ist das für ein Land?
Und wie sollen Kinder denn je darauf vertrauen können,
dass WENN sie wirklich allen Mut zusammen kratzen und sich trauen
ein EINZIGES Mal jemanden um Hilfe zu bitten und Täter zu BENENNEN,
dass dann auch wirklich irgendetwas geschieht, das HILFT?

Kinder rufen nach Hilfe
und es passiert
NICHTS.

Täter bleiben frei und unbehelligt.
Und selbst wenn das Kind mal raus kommt aus dem Täterkreis,
kommt womöglich ein anderer „SACHbearbeiter“ mit der tollen Meinung, dass Kinder Zuhause am besten aufgehoben sind.
Und dann müssen sie zurück.
Weil glauben?
Wer glaubt schon einem KIND?
Wenn Erwachsene etwas völlig anderes erzählen?

Oh Mann….
Ich schluck zur Zeit wieder ewig Luft.
Keine Ahnung, wer das ist.
Aber ich denk immer, da ist irgendein ganz Kleines in mir, das nicht redet.
Stattdessen läßt es den Körper ständig reflexartig eine ganze Mundvoll Ladung Luft schlucken.
Meist beim Einatmen.
Wenn auch richtig dolle Luft grad da ist.

Gestern erzählte mir der Mann von einem Gespräch mit einem Mann, der auf einem Sportplatz arbeitet.
Sie redeten über die jungen Mädchen und Jungs, die über die Laufbahn rennen.
Wie sehr es auffällt, wie Kinder inzwischen dicker werden.
Wie oft man sie leiden sieht.

Gerade Mädchen.
Weil sie inzwischen schon so oft, so früh, so große Brüste hätten.
Die beim Rennen aussehen, als könnten sie die Mädchen ko schlagen, so sehr hüpfen sie.
Und so riesig seien sie.
Und ohne guten, haltenden BH.

Wo das wohl her käme?
Zu viele Hormone im Fleisch? Im Wasser?
Alles zu früh; zu groß; zu viel.

Keine Ahnung, wie die Männer drauf kommen, aber da war Erschrecken drin.
Und auch Fassungslosigkeit und vielleicht Traurigkeit?
Weil man die Mädchen leiden merkt.

Es erinnerte mich an ein Mädchen im Hort, damals, als meine Tochter so 9 oder 10 war?
Damals hatten sich die Pädagoginnen auch gewundert, über riesige Brüste einer 9-jährigen.
Und frühzeitige Menstruation.
Damals kam raus, dass der Vater das Mädchen mißbraucht.
Ich weiß nicht, was daraufhin unternommen wurde, für sie.

Im Hort allgemein führten sie dann ganz viele „Trainings“ durch.
„Ich darf Nein sagen“
„Mein Körper gehört mir“
„Sich wehren lernen“
und etliche Gespräche über „normale Berührungen – und andere“.
Das ist jetzt 20 Jahre her.

Ich wünsche mir so sehr, dass sich wenigstens für die heutigen Kinder endlich mal was ändert.
Dass es besser wird.
Mehr Hilfe existiert, die WIRKLICH hilft.
Und dass unsere Gesetze endlich verändert werden.
Weg von diesem ewig täterfreundlichen Scheiß.
Weg, vom ewigen Verständnis und der „Nachsicht“.
HIN zu den Opfern.
Zu Verständnis für SIE.
Hin, ihnen zu glauben.
Keine Verjährung mehr.
Und Hilfe vielleicht, um auch an die Beweise gelangen zu können.

Ein Meldesystem für Opfer von Kinderpornographie,
damit man vielleicht die eigenen Fotos dann bekommen kann.
Und die Täter bestraft werden können.

Gut, jetzt mach ich Abendessen fertig.
Der Mann kommt bald Heim.

Alles Liebe Euch ❤
Und ganz viel Kraft.


Gebloggt am 08.06.2020

(Sich/Mich) aufrichten

09.06.2020

Genervt von mir selbst

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8 Kommentare zu „Unrechtsland

  1. Solange unsere Politikerinnen der Meinung sind, dass es minderschwere Missbrauchsfälle gibt und man doch mit Verständnis und Bewährung arbeiten müsste; solange Richter und Richterinnen Bewährungen für ein Geständnis anbieten, obwohl Videomaterial von der Gruppenvergewaltigung existiert, solange wird sich gar nichts ändern.

    Mehr schreib ich dazu nicht. Ich hab das lang und breit dargelegt. Es interessiert nur nicht, denn es ist nicht „in“ oder „hip“. Die Berufsempörten haben Wichtigeres zu tun. Sternchen in Nomen oder wie jemand seine Eisdiele nennt zum Beispiel.

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, so ist das leider.
      Aber Deutschland ist ein gutes Land – heißt es.
      Super, oder?
      Und was ist in jenen Ländern, die nicht *gut* sind?
      Was ist mit all den Kindern…..

      Aber klar, Hauptsache, man kann inzwischen nicht mal mehr TV-gucken.
      Weil man das grausige Gender-Gelaber kaum noch aushalten kann. Was ein Quatsch.
      Als würde ich mich HIERDURCH als Frau mehr gewertschätzt fühlen.
      Hätten sie mir lieber mal geholfen, als ich Hilfe brauchte.
      Das ist pervers.

      Gefällt 4 Personen

      1. Ist es. Und der Genderquark schafft nur wieder Trennungen, die es kaum mehr gab. Wer sich als „besonders“ darstellt, kann nicht als „normal“ gelten. Niemand stellt sich hin und sagt „ich bin stolz, normal zu sein“. Deswegen ist man ja „normal“. Immer auf Unterschiede zeigen und pochen führt eben gerade NICHT zu einer Normalität. Depp:innen….

        Aber das – dieser unsinnige, kontraproduktive, hasserfüllte Quatsch – wird breitgetreten. Kaum einer will das, aber es ist überall. Gefühlt zumindest. Also ist es auch wichtig.

        Über Lügde redet kein Mensch mehr, GL ist ab und an nochmal auf Seite 8 wenn grad nix anderes los ist. Es ändert sich nichts. Kinder sind unwichtig. Und die Erwachsenen, die daraus entstehen, bleiben auch unwichtig.

        In jeder Schulklasse mindestens 1 Kind.

        Und niemand macht was. Im Gegenteil…

        Gefällt 2 Personen

      2. Ich setze mich mal ganz kurz in die Nesseln und wende ein, dass das „Gender-Gelaber“ gegen andere Themen geht. Gegen die -Anfänge- von dem, was letztendlich in Gewalt etc. enden kann.
        Klar. In Sachen Gewalt gegen Kinder bringt es nichts… aber allein sichtbarer zu sein (als Frau, als trans Mensch, als was weiß ich) schafft mehr Bewusstsein und Schutz… Zum Beispiel die ganzen Initiativen, die sich für Gleichstellung, „Nein heißt Nein“ und eben auch Gendern (für mehr Sichtbarkeit) einsetzen. Das nimmt keine Aufmerksamkeit weg von Gewalt an Kindern…

        Es nimmt kein Trauma „weg“, es bringt keine Wertschätzung, wenn es einem nicht wichtig ist. Anderen ist es wichtig… Ich freu mich zum Beispiel jedes Mal, wenn ich „Gender-Gelaber“ sehe und fühle mich gesehen – oder weiß zumindest, dass bei bestimmten Stellenausschreibungen beispielsweise allein dadurch die Wahrscheinlichkeit geringer ist, wegen Geschlecht und Co. angekeilt zu werden 😉

        Gefällt 1 Person

      3. Ok, das kann ich so nachvollziehen und akzeptieren 🙂

        Ich persönlich denke halt, dass das Augenwischerei ist.
        Weil sie zwar nun ewig rumdiskutieren, Zeit, Geld und Energie verbrauchen, um zu gendern, bzw. das gesellschaftskonform zu machen
        – zeitgleich werden aber all diese Themen um Kinder, Gewalt und anders Ernsthaftes und Dringendes dem hintenan gestellt und es wird in der Zeit, die man über gendern diskutiert eben NICHT über Gewalt geredet.
        Und schon 10x nicht gehandelt.

        Ich persönlich pfeife echt drauf, ob man nun ein „in“ hinten dran setzt
        solange man mir Respekt, Verständnis und Interesse entgegen bringt; solange ich mich insgesamt gut behandelt fühle.
        🙂

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  2. Ich musste grade dran denken, dass ich heute gelesen habe, dass Adrian V. im Gefängnis wohl jetzt irgendwie abgeschirmt werden muss von den anderen, weil bekannt geworden ist, WER er ist bei den anderen. Und dass das ja wohl auf jeden Fall ein Grund für Strafmilderung ist.
    Mir wird schlecht, wenn ich sowas lese.

    Gefällt 1 Person

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